Buchrezension: Der Scharlatan

Wer sich in einer Kneipe mit ein paar der Ferdoker Lanzenreiterinnen anlegt, kann sich eine blutige Nase holen. Das ist Gerion, der alternde Magier gewohnt. Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass er schon bald eine dieser Lanzerinnen begleiten soll, um sie bei ihrer Rache gegen einen machthungrigen Grafen zu unterstützen. Und dass sein so geruhsames wie einsames Leben schon bald gehörig durcheinander gewirbelt werden wird.

Die Serie

März 1995. Das schwarze Auge hat nun schon seinen zehnten Geburtstag gefeiert, und kann bereits auf unzählige Abenteuer und Boxen zurückblicken. Nur eine Produktlinie hat noch immer nicht so recht Fahrt aufgenommen: Die DSA-Romane. Nachdem der erste Roman glücklicherweise schnell in der Versenkung verschwand, konnte DSA-Chefredakteuer Ulrich Kiesow mit seinem Erstlingswerk Die Gabe der Amazonen und der Kurzgeschichten-Anthologie Mond über Phexcaer erste Achtungserfolge erzielen. Auch die drei Roman-Trilogie um das Jahr des Greifen von Bernhard Hennen waren - nicht zuletzt Dank des namhaften Co-Autors Wolfgang Hohlbein - erfolgreich genug, um über die Jahre dreimal neu aufgelegt zu werden.

Die Originalausgabe von 1995

Zeit also, um die sporadischen Einzelbände endlich zu verstetigen und in einer fortlaufenden Buchreihe zu veröffentlichen. Kiesow selbst schrieb den ersten Band Der Scharlatan. Der Beginn der bis heute fortlaufenden DSA-Buchreihe.

Die Geschichte

Ferdok, im Jahr 21 Hal. Gerion von Tisal ist ein alternder Jahrmarkt-Magier, der mit seinem bunten Wagen von Dorf zu Dorf zieht, um die Kinder mit kleinen Zauberkunststücken zu unterhalten und den Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sein einziger Begleiter ist sein stinkender Hund Gurvan. Als der zynische Scharlatan sich in einer Kneipe mit drei Lanzerinnen anlegt, zieht er erwartungsgemäß den Kürzeren, wird aber von der jungen Lanzerin Selissa von Jergenquell versorgt. Aus Übermut gehen beide eine Wette ein, die der gewitzte Magier durch geschickte Täuschung gewinnt. Und so könnte die Geschichte vom Scharlatan und der Kriegerin eigentlich enden.

Wäre da nicht der sinistere Graf Erlan von Wengenholm, der es auf die Baronie Albumin und ihre Reichtümer abgesehen hat. Durch das Komplott um Vater und Erbe gebracht, wird Selissa des Verrats bezichtigt und in Ketten gelegt. Nur durch die Hilfe ihrer Stallmagd, des unwilligen Scharlatans und Selissas Verlobten, dem resoluten Arvid von Geestwindskoje, kann Selissa befreit werden, und schwört Rache am Mörder ihres Vaters!

Das Buch

Wer als Einstieg in die DSA-Romanreihe einen mitreißenden Abenteuer-Roman erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Ulrich Kiesow beginnt die Reise seiner Protagonisten sehr beschaulich und ruhig. Der zynische und wortgewandte Scharlatan hat ausgiebig Gelegenheit, sich erstmal in die Herzen der Leser zu quatschen, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Auch das Leben der Ferdoker Lanzenreiterin Selissa lernen wir gemächlich auf einer Reitermission gegen answinistische Kollaborateure kennen.

Nach und nach präsentiert uns Kiesow die restlichen Charaktere: Den pathologisch klammen Grafen Erlan und seine skrupellos wissbegierige Komplizin, die Magierin Ismene Fanfemur; den verschrobenem Erfinder Frenulfius Grottentuch mit seinem grandiosen Allweiser;  Algunde, die treu-doof liebenswerte Stallmagd, und den unaufhaltbaren Bornländer Graf Arvid von Geestwindkoje, der mit der Wucht einer Festumer Kogge durch die Seiten prescht. Jeder kriegt seinen eigenen, wohl choreografierten Auftritt. Das ist alles nicht spektakulär oder mitreissend - aber hoch atmosphärisch und (wie nicht anders zu erwarten) schön in die Spielwelt passend.

Die eigentliche Geschichte um Selissas Rache ist ebenfalls recht linear und vorhersehbar, aber das tut dem Lesespaß durchaus keinen Abbruch. Ich muss gestehen, dass Kiesow es schaffte, mich das ein oder andere Mal zu überraschen - auch wenn die Plot-Twists im Nachhinein sehr vorhersagbar gewesen wären. Über das Ende des Buches muss sich jeder Leser selbst ein Urteil bilden. Viele scheinen es nicht zu mögen - ich war hingegen sehr angetan. Ein schöner Abschluss für eine fantastisch bodenständige Geschichte.

Das Fazit

Als ich mir die Rezensionen zu Der Scharlatan durchlas, war ich offen gesagt etwas verwundert: "Kitschige Liebesgeschichte", "durchschnittliche Kost", "sprachlich schön verpackte Langeweile". Das passte so gar nicht zu den vielen sehr guten und guten Noten, die der Roman gleichzeitig bekam. Anscheinend ist Kiesow gemächlicher Stil nicht Jedermanns Geschmack.

Mich hingegen hat er begeistert! Sprachlich, atmosphärisch und erzählerisch ist Kiesow meiner Meinung nach vom durchschnittlichen DSA-Autoren Welten entfernt. Sicher, nach dem unterirdischen Ehernen Schwert war die Messlatte auch nicht besonders hoch angesetzt. Aber man merkt auf jeder Seite die Liebe Kiesows zur Literatur, zum bodenständigen fantastischen Realismus, und zu den Details der von ihm mitgeprägten Spielwelt. Während man Gerions Sprachwitz genießt, hört man eigentlich die Stimme Ulrich Kiesows, der Wortgewandheit und Humor auch lange Jahre in der Person des Andreas Blumenkamp zu zelebrieren verstand. Die skurile Gestalt des Magisters Grottentuch könnte einem Terry Pratchett Roman entsprungen sein, die finale Schlacht von Borrestock würde auch als Abenteuer am Spieltisch eine gute Figur machen. Die kurzen Einblicke in das aventurische Militärwesen der Ferdoker Lanzenreiterinnen und das politische Geplänkel zwischen Fürst Blasius von Eberstamm, seinem Kanzler Duridan und dem verzweifelten Graf Erlan sind gerade durch ihren langweiligen Realismus grandios!

Wem es nach Epik, Abenteuer, großer Magie und spektakulären Schlachten dürstet, wird mit dem Scharlatan keine allzu große Freude machen. Das Buch ist Low Fantasy pur, zelebriert die oft verteufelte aventurische Hotzenplotzigkeit. Wer das nicht mag, wird das Buch hassen. Und wem sowas gefällt, wird den Scharlatan und all seine verschrobenen Gefährten und Antagonisten lieben!

Der Scharlatan ist auch Teil der Ulrich Kiesow Gesamtausgabe

Wer nach 348 Seiten noch nicht genug von Gerions Geschichte hat, darf sich auf ein Wiedersehen mit den Charakteren freuen: Auf das Mammutwerk, das im wahrsten Sinne des Wortes ultimative Kiesow-Buch, der leider auch das Ende seines Lebens markierte: Das zerbrochene Rad. Ein letztes Mal lädt uns der Großmeister ein, ihm und seinen Charakteren in die Welt Aventurien zu folgen. Aber diese große Geschichte soll ein andermal erzählt werden...

Der Roman "Der Scharlatan" von Ulrich Kiesow ist bei Ulisses als E-Book für 4,99 € oder in der Ulrich Kiesow Gesamtausgabe für 49,95 € erhältlich.

Kommentare

  1. Ich habe das Hörbuch kürzlich bei Audible entdeckt und durchgehört. Ich kann mich deinem Fazit nur anschließen! Für mich war es über weite Teile genau das, wonach ich bei einem DSA Roman gesucht hab.

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