Interview mit Bryan Talbot

Das Abenteuer-Basis-Spiel, Silvanas Befreiung, Das Wirtshaus zum Schwarzen Keiler, Der Wald ohne Wiederkehr, Das Schiff der verlorenen Seelen - eines haben alle diese Klassiker gemeinsam: Die tollen Schwarzweiß-Illustrationen von Bryan Talbot. Wir bitten den britischen Comic-Künstler zum Interview, um herauszufinden, wie unser Bild von Aventurien damals seinen Anfang nahm.

This is the translated German version of the interview with Bryan Talbot, the artist responsible for the illustrations of the first edition of The Dark Eye. To read the original version of this interview, please visit this page.

Der düstere Hafen von Havena im Licht des Madamals. Die an einen Pfahl gefesselte Silvana. Ein Fachwerkhaus mit einem schwarzen Wildschwein über der Tür. Eine erste halb zusammengerollte Landkarte von Aventurien. Ein Elf, der mit dem Bogen auf einen angreifenden Drachen zielt.

Der Hafen von Havena aus "Der Weg ins Abenteuer" (Quelle: Ulisses)

Wer bei diesen kurzen Stichworten sofort ein Bild vor Augen hat, ist vermutlich mit den Werken von Bryan Talbot in Verbindung gekommen. Jenem Künstler, der 1984 die Innenillustrationen zu den Regelbüchern und Abenteuern der ersten DSA-Auflage beisteuerte. Seitdem hat es ihn leider nie wieder nach Aventurien verschlagen. Grund genug für uns, um ihn zum Interview zu bitten und in Erfahrung zu bringen, wie die Bilder damals entstanden sind und was er heute macht.

Das Interview

Mr. Talbot, vielen Dank dass Sie sich die Zeit nehmen, um (virtuell) unsere Fragen zu einigen ihrer Arbeiten zu beantworten, die vor mehr als 35 Jahren entstanden. Da viele unserer Leser damals entweder noch Kinder oder noch gar nicht geboren waren, könnten Sie sich und ihre Arbeit kurz vorstellen. Wer ist dieser “Mr. Talbot”, wo kommt er her und wie würde er seine Tätigkeit beschreiben.

Ich schreibe und zeichne Comics seit über 40 Jahren. Ich habe an einigen berühmten Reihen wie Judge Dredd, Sandman und Batman mitgearbeitet, aber ich bevorzuge es an meinem eigenen, selbstkreierten Material zu arbeiten.

In ihrer Schulzeit Ende der 1960er Jahre begannen Sie für Fanzines wie Mallorn (das Magazin der britishen Tolkien-Gesellschaft, das heute noch immer jährlich erscheint) oder Dark Horzions (dem Magazin der britischen Fantasy-Gesellschaft) zu arbeiten, und begannen dann, eigene längere Comicgeschichten wie die drei Ausgaben umfassende Chester P. Hackenbush Serie oder Die Abenteuer von Luther Arkwright, die neun Jahre lang erschien, zu ersinnen. Science Fiction, parallele Universen, Fantasy, Steampunk - wo würden Sie ihre damaligen Geschichten einordnen? 

Die Chester-Geschichten waren psychodelische Abenteuergeschichten - Untergrund-Comic, die durch die Arbeiten von Dave Sheridan, Robert Crumb und später Moebius beeinflusst wurden. Arkwright war eine mehrere Genres umfassende Geschichte, aber hauptsächlich ein Science-Fiction-Abenteuer in parallel Welten für Erwachsene.

Haben Sie irgendwelche Erfahrungen mit Pen-and-Paper-Rollenspielen? Haben Sie jemals mit einem W20 gewürfelt? Kannten Sie Dungeons&Dragons, als Sie mit Ihrer Arbeit an Das Schwarze Auge begannen?

Nein, überhaupt nicht.

Sie waren also ein aufstrebender junger britischer Comic-Künstler, der plötzlich an einem seltsamen deutschen Fantasie-Rollenspiel namens Das Schwarze Auge arbeitete. Wurden Sie damals von Schmidt Spiele, Droemer Knaur oder einem der Autoren (Ulrich Kiesow, Hans Alpers, Werner Fuchs) engagiert?

Ich weiß nicht mehr genau, wer mich damals für die Illustrationen anheuerte, aber dieser jemand wohnte damals in England, und fragte bei der Gesellschaft für Comic-Strip-Zeichner nach um einen geeigneten Künstler zu finden. Ich war damals ein Mitglied und einige von uns bewarben sich, indem sie einige Beispiel-Illustrationen einreichten. Aus irgendeinem Grund entschieden sie sich für mich, vielleicht weil meine Bilder grober, realistischer waren. Die anderen Künstler verstanden damals Fantasy-Geschichten noch nicht richtig und lieferten Bilder ab, die mehr an Märchenbücher erinnerten.

Schmidt Spiele beschloss damals ihr eigenes Rollenspiel auf den Markt zu werfen als die Lizenzverhandlungen mit TSR für die deutsche Version von Dungeons&Dragons scheiterten. Da sie nur ein paar Monate Zeit hatten, um die Regelbücher und Abenteuer fertigzustellen, mussten die Texte und Illustrationen in sehr kurzer Zeit entstehen. Erinnern Sie sich wie viel Zeit man ihnen damals gab und wie viele Bilder Sie zeichnen mussten? Haben Sie während der Zeit viel Schlaf bekommen?

Ich kann mich nicht mehr genau an den Zeitraum erinnern, aber, ja, sie wollten die Bilder sehr schnell haben. Ich habe ungefähr 100 Illustrationen angefertigt, wofür ich einen Festpreis pro Bild bekam. Es war nicht besonders viel und für einige der Bilder brauchte ich jeweils mehrere Stunden. Andererseits gab es auch sehr einfache, schnelle Zeichnungen wie z.B. von einem Schwert, sodass die Bezahlung insgesamt in Ordnung war. Da ich sowieso viele Jahre lang immer bis zwei Uhr nachts arbeitete, besonders als ich an 2000AD zeichnete, war der Schlafmangel für mich kein Problem.

Trotz der kurzen Zeitspanne, in der die Bilder entstehen mussten, passten sie ziemlich gut zu den im Text beschriebenen Szenen. Haben Sie detaillierte Beschreibungen der benötigten Bilder bekommen, oder hatten Sie gar Zugang zum Manuskript? Standen Sie damals mit den Autoren in Kontakt?

Ich habe nie persönlich mit den Autoren der deutschen Texte gesprochen. Ich wusste nichtmal, welche Geschichte hinter den Bilder steckte. Ich bekam nur kurze Beschreibungen wie “Ein Ork”, “Ein Fantasie-Karte auf einer Schriftrolle” oder “Ein Dämon mit einer Keule, der durch einen zerbrochenen Spiegel steigt”.

Ein Dämon steigt aus einem Spiegel (Quelle: Ulisses)

Ihre Darstellungen von Orks, Trollen, Drachen und Heldengruppen haben die Zeit gut überdauert und das Bild dieser Kreaturen in den Köpfen unzähliger Spieler geprägt. Woher stammte die Inspiration für den Stil und das Design dieser Figuren?

Wie schon so richtig bemerkt, hatte ich bereits früher Bilder für das Tolkien-Magazin beigesteuert. Ich verwendete einfach den selben Stil wie für diese Bilder wieder, also nehme ich an, dass die Bilder, die ich mir beim Lesen vom Herrn der Ringe vorstellte, die Hauptinspiration für die DSA-Illustrationen war.

Die Gegner der Helden aus dem Basis-Regelbuch (Quelle: Ulisses)

Erzählen Sie uns ein wenig über ihre Arbeitsweise. Welche Art von Stiften oder Pinseln, Farben, Papiersorten und Werkzeugen verwendeten Sie beim Zeichnen dieser Bilder? Und wurden die Bilder in Originalgröße gezeichnet oder nachträglich für die Buchseiten verkleinert?

Soweit ich mich erinnere hatten alle die selbe Größe, und wurden großteils mit einen Pinsel getuscht, wobei Rotring Stifte für die Details verwendet wurden. Alles in schwarzer Tinte auf Kartuschenpapier.

Wissen Sie was mit den Original-Kunstwerken passiert ist? Existieren sie noch oder wurden sie verkauft oder zerstört? Gibt es eine Hoffnung, diese Originale irgendwann einmal in einer Ausstellung oder einem Kunstband bewundern zu können? Gibt es irgendwelche unveröffentlichten Bryan-Talbot-DSA-Original-Illustrationen?

Nein, ich habe die Originale nie zurückerhalten. Keine Ahnung was mit ihnen passiert ist. Soweit ich weiß sind alle veröffentlicht worden.

In dem Einsteiger-Abenteuer Silvanas Befreiung verursachte eine Ihrer Illustrationen den ersten “Skandal” der DSA-Geschichte: Ein Ork versucht der gefesselten Frau das Hemd vom Leib zu reißen. Obwohl das Bild ziemlich harmlos war und man praktisch keine Haut sieht, musste das Bild in der zweiten Auflage mit einer zensierten Version ersetzt werden. Haben Sie das damals mitbekommen? Fanden Sie es in Ordnung, dass das Bild vom Verlag ersetzt wurde? Wie fühlt man sich im Mittelpunkt eines Skandals, den auch 35 Jahre später noch viele DSA-Spieler kennen?

Ich kann mich tatsächlich überhaupt nicht daran erinnern! Es ist erstaunlich dass man immer noch darüber redet.

Die gefangene Silvana in der unzensierten und zensierten Version

Eines Ihrer Bilder zeigt auf einer teilweise eingerollten Schriftrolle eine grobe Karte des Kontinents Aventurien, einschließlich der Meere, Berge und Städte. Da die Spielwelt damals noch nicht definiert war, war Ihre Karte die erste Darstellung der Welt. Seitdem hat sich Aventurien zu einer der am dichtesten und umfassendsten Weltbeschreibungen überhaupt entwickelt. Obwohl die finale Form von Aventurien sich ein wenig von ihrer Skizze unterscheidet, wurde sie offensichtlich von Ulrich Kiesow und Werner Fuchs als Inspiration für die offizielle Weltkarte verwendet. War Ihnen klar, dass noch heute Tausende Spieler durch die Reiche und Landschaften ziehen, die auf ihrer 35 Jahre alten Zeichnung beruhen?

Davon hatte ich keine Ahnung, aber es ist sehr schön das zu wissen!

Die erste Darstellung von Aventurien überhaupt (Quelle: Ulisses)

Nach etwa 100 Zeichnungen für DSA kehrten Sie zu ihrer eigentlichen Beschäftigung, dem Zeichnen von Comic-Büchern und Graphic Novels zurück. Sie haben an vielen erfolgreichen Reihen wie Judge Dredd, Neil Gaimans Sandman, Batman, Hellblazer und Fables mitgearbeitet, und haben ihre eigenen preisgekrönten Werke wie Die Geschichte einer bösen Ratte, Alice in Sunderland, Grandville oder Dotter of Her Father’s Eyes entwickelt. Warum haben Sie damals DSA den Rücken gekehrt? Gab es jemals Angebote oder Anfragen, dass Sie an weiteren Büchern mitarbeiten sollten? Hatten Sie jemals das Bedürfnis nach Aventurien zurückzukehren?

Ich wurde nach den ersten Bildern nie gefragt ob ich weiter daran arbeiten wollte. Ich war davon ausgegangen, dass dies die einzigen Bücher waren, die sie veröffentlichten. Ich hatte keine Ahnung, das noch viel mehr erschienen ist.

Sie haben die Entwicklung von DSA als nie verfolgt und haben keine der unzähligen Zeichnungen gesehen, die ihre Nachfolger im Laufe der Jahrzehnte beigesteuert haben? Wussten nicht, dass DSA auch heute noch höchst lebendig ist? Haben Sie damals erwartet, dass das Spiel ein Erfolg werden würde?

Überhaupt nicht! Ich habe mich nie für Rollenspiele interessiert. Ich habe ein paar Szenarien des ersten Luther Arkwright Spiels mit dem Spielleiter, der es damals geschrieben hat, und einigen Freunden gespielt, nur um es mal auszuprobieren. Aber das war es dann auch. Es gibt auch ein neueres Arkwright RPG von The Design Mechanism zu kaufen, und außerdem ein Rollenspiel von Ocelot Games, das auf meinen Grandville Büchern basiert.

Haben Sie irgendwelche persönlichen Favoriten unter all den Bildern, die sie damals für DSA erstellt haben?

Ich kann mich nicht an alle von ihnen erinnern, aber ich mag das Bild mit dem Elfen, der mit dem Bogen auf den Drachen zielt.

Eines der Lieblingsbilder von Bryan Talbot aus dem Buch der Regeln (Quelle: Ulisses)

(Anmerkung des Schelms: Dies ist übrigens auch das Lieblingsbild von DSA-Chefredakteur Nikolai Hoch, dessen allererster gespielter Held auf dieser Drachen-Szene basierte. Mein eigenes Lieblingsbild ist hingegen das nächtliche Havena-Bild, einfach weil die Stadt so schön bedrohlich, geheimnisvoll und heruntergekommen daherkommt, und die leichte Schiefstellung der "Kamera" gleichzeitig eine gewisse Dynamik ins Bild bringt).

Sie und ihre Frau Mary waren Gründungsmitglieder des The Lakes Internation Comic Art Festivals in Kendal, und sind der künstlerische Leiter der Wonderlands Graphic Novel Exposition in ihrer Heimatstadt Sunderland. Gibt es irgendwelche anstehenden Comic Festivals oder Conventions (vielleicht sogar auf dem Kontinent oder in Deutschland) wo DSA-Fans die Möglichkeit haben, Sie persönlich zu treffen und ihnen für ihre tollen Zeichnungen zu danken?

Ich bin auf dem Comic-Festival in Neapel im Mai. Das ist aber auch glaube ich alles bis zum nächsten The Lakes Festival im Oktober.

Meine Spielgruppe hat im letzten Jahr das DSA-Abenteuer Das Geheimnis des Schwarzen Keilers gespielt, und außerdem die 2019 erschienene Aventuria-Erweiterung Das Wirtshaus zum Schwarzen Keiler abgeschlossen. Und bei beiden Gelegenheit war es toll, mal wieder einen Blick in das Original-Abenteuer von 1984 zu werfen und die Stimmung dieser ersten Abenteuer durch ihre großartigen Zeichnungen wieder zu erleben. Vielen Dank, Mr. Talbot, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben, und dafür, dass Sie ein wichtiger Teil meiner Kindheitserinnerungen sind. Mögen die Zwölfgötter über Sie wachen!

Vielen Dank!


Das Interview mit Mr. Talbot wurde schriftlich auf Englisch geführt und von mir ins Deutsche übersetzt. Die Original-Version kann hier gelesen werden. Weitere Informationen über Bryan Talbot gibt es auf der offiziellen Fanseite. Illustrationen von Bryan Talbot finden sich u.a. in der Kaiser-Retro-Box und den zugehörigen Abenteuern, die u.a. im F-Shop oder digital im Ulisses E-Book-Shop erhältlich sind. Die Wiedergabe der Illustrationen erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ulisses Spiele.

Kommentare

  1. Lieber Kai,

    es ist famos, was du hiermit wieder vor dem Vergessen gerettet hast. Es ist schön, dass Du Mr. Talbot für ein Interview gewinnen konntest und ihn einmal für die Das Schwarze Auge Fans hast zu Wort kommen lassen.

    Danke auch für Deine überlegten und wertschätzenden Fragen an ihn.

    Herzliche Grüße
    Alexander Grolm

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    1. Gerald aus Hessen1. Februar 2020 um 22:27

      Dem kann ich mich ausnahmslos anschließen!

      Vielen Dank dafür, Kai!

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    2. Besten Dank Euch beiden, ja, mir war das Interview und schließen dieser historischen Wissenslücken auch ein persönliches Anliegen. Ich finde es spannend, dass diese Bilder für unzählige Spieler fest ins kollektive Gedächnis einbrannt sind, während es für Mr. Talbot nur eine Arbeit von vielen war. Ich hoffe, er hat mitbekommen, wie viel aus diesen ersten Zeichnungen über die Jahrzehnte gewachsen ist.

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  2. Ein großartiges Interview! Vielen Dank!

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    1. Dann gebe ich das Kompliment gerne mal zurück: Vielen Dank an Euch für das tolle Interview mit Werner Fuchs damals (siehe die Folgen 74/75 des Eskapodcast). Die beiden Episoden waren in meinen Augen der Auftakt zur Wiederentdeckung der aventurischen Entstehungsgeschichte, und ohne Euer Vorbild wäre vielleicht nie auf die Idee zu meinen Interviews gekommen. Daher: Vielen Dank für die tolle Arbeit, für's Hereinschauen und bis bald!

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  3. Irre! Ganz großes Kino! Tausend Dank!

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    1. Besten Dank, freut mich dass es Dir gefallen hat! Schöne Grüße in die Nachbarstadt!

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  4. Das ist ein sehr interessantes Interview. Mich würde nun interessieren, warum man ihn nicht nach weiteren Bildern gefragt hat.

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    1. Das würde ich auch gerne wissen, aber es dürfte vermutlich im Dunkel der Geschichte in Vergessenheit geraten. Ina Kramer weiß es jedenfalls nicht - sie hat Bryan auch nie selbst getroffen oder mit ihm gesprochen (er sagt ja auch selbst, dass er weder mit Werner noch Ulli oder Hajo je Kontakt hatte). Vielleicht weiß Werner ja noch mehr - ich werde versuchen, ihn beim nächsten Mal dazu zu befragen. Danke für's Lesen des Interviews!

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