Hörspiel-Rezension: Im Land der Piraten

Kommen ein Zwerg, ein Elf, ein Thorwaler, eine Streunerin und ein alter Gelehrter in eine versteckte Piratenbucht... was wie der Beginn eines aventurischen Witzes klingt, ist tatsächlich der Auftakt zur frisch erschienenen achten Folge der DSA-Hörspielreihe von WinterZeit, Audionarchie und Ulisses. Wir haben reingehört, und berichten Euch, warum Captain Future, Spongebob, Oscar Schindler, Doc Brown, Lord Grantham und Loki uns bei ihrem Besuch in Aventurien viel Freude bereitet haben.

Die Hörspielreihe

Es ist wieder einer dieser Samstage: Man nutzt einige der wenigen freien Minuten eines Familienvaters, in denen Kinder ruhig spielen ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, um auf dem Handy ein paar Nachrichten zu lesen. Und so wischt man sich durch seinen Facebook-Stream, als der Blick plötzlich auf einer Nachricht des WinterZeit Shops hängen bleibt: Die neue Folge 8 der DSA-Hörspielreihe mit dem schönen Titel "Im Land der Piraten" ist im Ladengeschäft in Remscheid verfügbar. Ein schneller Blick auf die Webseite von WinterZeit: Öffnungszeiten samstags bis 13 Uhr. Blick auf die Uhr: 11:45 Uhr. Hektisch bei der Ehegattin eine Stunde Freizeit erbettelt, ins treue Automobil gesprungen und die A43 Richtung Süden hinuntergepest. Ziel: Remscheid-Lüttringhausen!



Eine halbe Stunde später kann ich endlich die heiß ersehnte Folge Im Land der Piraten von Frau Winter entgegennehmen (natürlich in doppelter Ausführung für das kommende Gewinnspiel), nebenbei noch ein paar andere CDs und kleinere Brettspiele erwerben, und noch ein paar Worte mit Markus Winter wechseln - neben Patrick Holtheuer von Audionarchie und den Autoren Markus Topf und Timo Reuber der kreative Kopf der Serie. Doch viel  Zeit habe ich nicht, Frau und Kinder warten mit dem Mittagessen. Also wird schnell der Rückweg angetreten. Und natürlich die CD ausgepackt und eingelegt. Der Motor wird gestartet, der Wagen fährt los - und trägt mich sowohl nach Bochum als auch ins ferne Thorwal...


Die Geschichte

Als wir die zusammengewürfelte Heldentruppe um Zwerg Gundar, Thorwaler Hothar, Elf Filoen, Streunerin Alinne und weisem Mann Sardos das letzte Mal hörten, waren sie gerade im Begriff, an Bord von Hothars altem Schiff - der Gischttänzerin - in See zu stechen, um die beschwerliche Reise von Perricum nach Thorwal anzutreten. Es galt, die verschwundene Kapitänin Ragna Sigridsdottir zu finden, und zu ergründen, was es mit dem seltsamen Fluch auf sich hat, der bis auf Ragna die komplette Mannschaft der Gischtänzerin dahingerafft haben soll. Und was ist mir dem Gold passiert, dass angeblich Ursache des Fluchs sein soll?

Und so beginnt unsere Geschichte mit einem kotzenden Zwerg, der über die Reling hängend das Ende der Schiffsreise herbeisehnt, während sich die Gischttänzerin ihrem Ziel nähert: Der Runjasbucht, einem hinter Felsen verborgenen Piratenversteck irgendwo am Ende der Premer Halbinsel. Im Hafen angekommen werden sie direkt unfreundlich begrüßt, und es wird klar, dass Hothar hier kein Unbekannter ist. Während er die angetrunkene Ragna in einer Taverne ausfindig macht, kriegt Asgrimm, ein alter Kontrahent Hothars, Wind von dessen Rückkehr. Ragna, die sich als Hothars Schwester herausstellt, verspricht, die Heldengruppe zum Versteck des verfluchten Goldes zu bringen, wird aber vor der Abreise von Asgrimms Schergen Orik entführt. Und so müssen sich Hothar und seine Freunde aufmachen, um mehr über den Verbleib von Ragnar herauszufinden und die Entführer zur Strecke zu bringen...

Die Technik

Normalerweise müsste es mir schwer fallen, nach mittlerweile bereits sieben Rezensionen schon wieder etwas Schlaues über die Umsetzung des Hörspiels zu sagen, aber erneut machen es einem WinterZeit und Audionarchie einfach, die technische Seite in den höchsten Tönen (no pun intended) zu loben: Die Klangqualität ist wie immer hervorragend, sattes Meeresrauschen, mitreißendes Waffenklirren, gut abgemischte Dialog-, Ton- und Musikspuren. Für alle, die sich dafür interessieren, gibt es im Booklet diesmal ein Interview mit Markus Winter, in dem er etwas über die Herausforderungen bei der Mischung der DSA-Folgen erzählt, und wo man auch erfährt, warum ein Sherlock Holmes Hörspiel eine ganz andere Herangehensweise beim Zusammenstellen der Klangschnipsel erfordert. Dafür, dass vermutlich mancher Zuhörer kaum einen Blick in das Booklet wirft, hat sich Ehepaar Winter mit dem Interview viel Mühe gegeben, um ein nicht notwendiges, aber höchst interessantes Extra beizulegen.

Lobend erwähnen muss man auch wieder das wunderschöne Titelbild von Flavio Bolla, dem Schweizer Künstler, der bereits alle vorherigen CD-Cover zur Reihe beigesteuert hat, und dem auch diesmal wieder ein sehr stimmungsvolles Bild eines kleinen Hafens in einer Buch gelungen ist. Klar, auch hier passt das Bild mal wieder nicht ganz zur Geschichte: Die herumstehenden Palmen und der Stil der Häuser passt eher zu einem Piratennest irgendwo in Meridiana als zu einem thorwalschen Hafen. Und auch das einfahrende Segelschiff kann wohl kaum die eher kleine Gischttänzerin sein - selbst für die mit 20 Mann besetzte Seelenfänger von Asgrimm scheint mir das Gefährt deutlich zu groß. Aber hey - es ist eine Piratengeschichte, und ich habe keine Ahnung von Schiffen. Daher wollen wir das tolle Bild einfach als tolles Bild statt als plotrelevante Illustration genießen.

Besonders gefeiert habe ich diesmal wieder die unglaubliche Synchronsprecher-Riege: Neben den schon selbstverständlichen Sprechern der Hauptcharaktere Claus-Peter Damitz (Gundar, aber auch ein gewisser Halbwüchsiger in einer jüngst zu Ende gegangenen Fantasy-Fernsehserie), Marcus Off (Filoen, aber auch ein skrupelloser Vermieter in einer bald zu Ende gehenden Fernsehserie), Gabrielle Pietermann (Alinne, aber auch eine jüngst durch ungewöhnliches Verhalten aufgefallene Drachenreiterin in besagter jüngst zu Ende gegangener Fantasy-Fernsehserie), Marco Kröger (Hothar, aber auch ein sprechender Seestern in einer Kinderserie) und Eckart Dux (ein von der Militärpolizei Gejagter, der es liebt, wenn ein Plan funktioniert) sowie der mit Staffel 2 dazugestossenen Marie Bierstedt (Ragna, aber auch Stimme von Kirsten Dunst, Anne Hathaway, Kate Hudson und Kate Beckinsale), brillieren auch in dieser Folge wieder einige hochkarätige Gastsprecher.

So habe ich mich wahnsinnig gefreut, als ich im knarzigen Orik nach langem Überlegen die Stimme von Captain Future wiedererkannte (Hans-Jürgen Dittberner, der u.a. auch als deutsche Stimme des einzig wahren Supermans bekannt wurde). Auch  Bösewicht Asgrimm ist mit Helmut Gauß, der deutschen Stimme von Liam Neeson in Schindler's Liste, hervorragend besetzt. Aber auch die Nebenrollen wissen voll zu überzeugen: So wird der Wirt der Taverne, in der Ragna sich zusäuft, von Erich Räuker gesprochen, dem deutschen Lord Grantham aus Downton Abbey. Der Swafnir-Geweihte Gorwin wurde vom mittlerweile leider verstorbenen Peter Groeger gesprochen, den einige noch als Quark aus Deep Space Nine kennen dürften. Oliver Feld (u.a. der Stammsprecher von Noah Wyle) spricht den geldgierigen Njörd, der sich von Asgrimm eine etwas andere Belohnung erhofft hatte. Der großartige  Lutz Mackensy (Dr. Emmett Brown in Zurück in die Zukunft 2 und 3) taucht nur in einem kurzen Nebensatz als Assistent von Njörd auf. Und auch der unverkennbare Spongebob- und Ferris Bueller-Sprecher Santiago Ziesmer darf nur einmal kurz während der Gefangennahme von Ragna zwei kurze Sätze sagen, bevor er akustisch wertvoll das Leben aushaucht. Und Peter Lontzek (auch bekannt als Thors Bruder Loki im Marvel-Universum) droht Ragna aus der Kneipe zu werfen, bevor Hothar in davon abhält. Sicherlich habe ich noch einige Stimmen vergessen, aber ich denke, es wird klar, dass die Produzenten keine Kompromisse bei der Wahl der richtigen Sprecher eingehen. Dem interessierten Zuhörer ergibt sich so die Gelegenheit, die bekannten Stimmen zu erkennen und zuzuordnen - oder sich einfach zurückzulehnen und ihnen zufrieden grinsend zuzuhören.

Ein Wort sei auch endlich mal zur Musik verloren, die ich bisher immer als nett, aber wenig auffallend beschrieben habe. Wer das Booklet liest, erfährt, dass Markus Winter entgegen der üblichen Gepflogenheiten in der Hörspielbranche keine fertigen Stücke aus irgendwelchen Musikbibliotheken  verwendet. Stattdessen kümmern sich die drei Musiker Michael Donner, Manuela Trutte und Alexander Schiborr um eigens komponierte Stücke für die jeweiligen Szenen. Ich gebe zu, dass mir das bisher nie aufgefallen ist.

Diesmal hörte ich jedoch genauer hin, und entdeckte von majestätischen Fanfaren für die versteckte Bucht, munterer Seemannsmusik als Ragna aus der Taverne geholt wird, einem ominös-bedrohlichen Thema für Asgrimm und seine Gesellen sowie spannender Untermalung der Zweikämpfe an Deck des Piratensschiffs eine Menge stimmungsvoller Stücke, die naturgemäß die meiste Zeit stiefmütterlich im Hintergrund erklingen, aber doch auch schöne Akzente zwischen den einzelnen Tracks setzen dürfen.

Braucht man diese individuelle und sicherlich aufwendige Musikuntermalung unbedingt? Nein, 99% der Zuhörer (meine Wenigkeit eingeschlossen) würde die Verwendung generischer Konservenmusik nicht bemerken. Aber dass soviel Aufwand in ein wenig beachtetes Detail gesteckt wird, zeigt doch ebenso wie das schöne Booklet, dass die Macher viel Liebe und Mühe in das fertige Produkt gesteckt haben. Ich verspreche, von jetzt genauer auf die Musik zu achten!

Die Kritik

Kommen wir mal wieder zum schwierigsten Thema: Der Einbindung in den aventurischen Kanon. Und da kann ich diesmal, wie schon beim letzten Mal, kaum etwas bemängeln: Es werden aventurische Ortsnamen wie Thorwal, Prem, Khunchom, Gareth oder Havena genannt, der Swafnisglaube wird mehrfach thematisiert und die seltsam gotteslästerliche Nachnamenwahl Hothars wird stimmig begründet. Sicher, aufgrund der zum größten Teil DSA-unkundigen Hörerschaft darf man nicht die Detaildichte eines DSA-Hörbuchs aus dem Horchposten-Verlag erwarten, das ausschließlich auf DSA-Leser zugeschnitten ist. Aber nach der eher durchwachsenen Kanonizität der ersten Staffel ist die bisherige Staffel 2 eine sehr angenehme Überraschung.

Sicher, einige Schnitzer gibt es auch hier: So frage ich mich noch immer, warum für die Reise von Perricum nach Thorwal der über 5000 Meilen lange und beschwerliche Seeweg, u.a. durch das 1027 BF von Dämonenarchen terrorisierte Perlenmeer, gewählt wurde, statt vergleichsweise entspannte 1500 Meilen über die Reichsstraße bis Seshwick zu reisen und dann durch Abagund nach Nostria zum Meer der Sieben Winde zu gelangen, von wo man die kurze Überfahrt nach Prem hätte antreten können. Daran, dass Hothar so sehr an seinem Schiff hängt, kann es nicht gelegen haben, ist er doch am Ende der Folge ohne zu zögern bereit, sein altes Schiff gegen die Seelenfänger einzutauschen.

Auch die plötzliche Magiebegabung Alinnes im Endkampf wirkt mal wieder sehr Deus-Ex-Machina-ig, und auch wenn es diesmal nicht das in der ersten Staffel unvermeidliche Amulett ihrer Mutter ist, das die Situation rettet, wäre es doch schön, wenn die Helden mal durch eigene Ideen und Pläne die Situation retten könnten. Dass für Alinnes Geisterstimme mal wieder ein etwas billig klingender Verzerreffekt eingesetzt wurde, der schon bei Lares und Bragdul nicht sonderlich überzeugend wirkte, sei ebenso verziehen, wie die in meinen Ohren falsche Aussprache von Khunchom ("Kunkom").

Das Fazit

Das war es schon? Mehr habe ich nicht zu meckern? Ja, tatsächlich, so sehr ich auch mein mittlerweile übermüdetes Hirn zermatere, kann ich doch nur wenig Schlechtes an dieser Folge finden: Die Geschichte ist halbwegs stimmig, aber immer kurzweilig. Die Hintergrund-Geschichte von Hothar wird um einige interessante Aspekte erweitert. Die im letzten und vorletzten Teil anklingende Romanze zwischen ihm und Alinne scheint nach der Überfahrt wieder abgeflaut zu sein. Und Gundars plötzlicher Aussetzer in Anwesenheit eines Swafnir-Geweihten macht neugierig darauf, welche finstere Macht seit dem Endkampf von Staffel 1 wohl in unserem Zwerg lauert.

Auch auf die Gefahr hin, mal wieder viel zu lobhudelnd zu klingen, kann ich Im Land der Piraten rundum empfehlen. Die spannende Geschichte, gepaart mit den guten Dialogen sowie der über jeden Zweifel erhabenen technischen Umsetzung, weckt zumindest beim diese Zeilen schreibenden Schelm große Vorfreude auf die noch ausstehenden vier Folgen. Ich hoffe inständig, dass auch die kritischeren DSA-Fans da draußen der DSA-Hörspielserie eine Chance geben, und dass es noch lange weiter gehen mag mit den Abenteuern von Gundar und seinen Freunden. Das wohl!

Die achte Hörspiel-Folge "Im Land der Piraten" von WinterZeit und Audionarchie gibt es als CD  oder MP3-Download direkt im WinterZeit-Shop, oder ab dem 21. Juni 2019 im Elektronik-Fachmarkt oder bei den großen Internet-Versandhändlern.

Kommentare

  1. Danke für Deinen ausführlichen Bericht.
    Auch wenn ich sonst mit Korrekturen auf Blogs, zu denen ich keinen Schreibzugang habe, zurückhalten kann: Bitte schreibe "Schweizer Künstler" oder "schweizerischer Künstler".
    https://www.korrekturen.de/forum.pl/md/read/id/25320/sbj/schweizer-schweizerisch/

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    1. Bei Hesinde, Michael, manchmal kommt es mir so vor als ob Du echt nicht ausgelastet bist! Danke für den Hinweis, ist korrigiert. Dafür, dass der Artikel unter Zeitdruck geschrieben und unkorrigiert um kurz vor Mitternacht rausgeschickt wurde, bin ich mit nur einer derart dringlichen Korrektur durchaus noch zufrieden!

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    2. Klar solltest Du mit dem Artikel zufrieden sein. Interessant ist übrigens, dass erst heute die CD im Shop ist. Wo kommen denn die Infos von WinterZeit zuerst raus?

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    3. Ich habe von der frisch erschienenen CD auf der Facebook-Seite vom WinterZeit Shop erfahren. Auf der Webseite von WinterZeit sind die Folgen aber meist gleichzeitig mit der CD im Laden verfügbar. Amazon, Saturn und Mediamarkt bekommen die CDs meist ein oder zwei Wochen später.

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  2. Kann man eigentlich auch erst mit der 2. "Staffel" einsteigen und sich die unaventurische 1. "Staffel" schenken? Oder fehlt einem dann wichtiges Vorwissen?

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    1. Ja, kann man theoretisch: Der Erzähler (Axel Ludwig) fasst die meisten relevanten Infos aus den Vorgängerfolgen am Beginn einer Folge nochmal zusammen. Aber einzelne Handlungsstränge könnten für Neueinsteiger dennoch verwirrend wirken: So dürftest Du in der aktuellen Folge sehr überrascht ob des seltsamen Verhaltens des Zwergs gegenüber dem Swafnir-Geweihten sein, während Veteranen der ersten Staffel darin sofort ein Überbleibsel des dortigen Endkampfs erkennen dürften.

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