Rezension: Greetja

Greetja, die Hexe, muss bald Abschied nehmen. Von ihrer treuen Kröte, ihrer kleinen Hütte, ihrem lieben fliegenden Stecken. Ihr 70. Geburtstag naht, und mit ihm der Tag, auf den sie so lange gewartet hat. Was er bringen mag? Das weiß Greetja nicht. Und auch der Leser von Ina Kramers neuem Buch hat keine Ahnung, wo sie hinführen wird, diese mehr als ein halbes Jahrhundert umfassende Lebensgeschichte der Hexe Greetja. Der Schelm hat die Autorin auf ihrer literarischen Reise begleitet, und wirft einen total subjektiven Blick auf das herausgekommene Werk.

Die Geschichte

Die Hexe Greetja ist nicht einmal 14 Götterläufe alt, als sie plötzlich und unerwartet von ihrer Mutter Senufa, einer Schönen der Nacht, allein in ihrer kleinen Hütte irgendwo im Bornland zurückgelassen wird. Das Mädchen muss lernen sich durchzuschlagen, und schon bald hat sie neben ihrer Kröte Branga einen fliegenden Stecken namens Arion und eine Schleiereule namens Schneefeder als Vertraute um sich versammelt. Greetja lernt die Menschen der benachbarten Dörfer kennen, geht bei einer Schönen der Nacht namens Berenissa in die Lehre, und besucht bald die ersten Hexenfeste. Doch dann ist da noch dieser mysteriöse Reiter, die sie in letzter Sekunde aus einer misslichen Lage rettet. Was hat es mit diesem Reiter auf sich? Was genau hat Berenissa mit Greetja geplant, und warum schlummert in Greetja dieser unbändige Jähzorn? Woher kommt Greetja Liebe zum Wasser, und was ist mit Senufa geschehen? Und nicht zuletzt: Was ist eigentlich mit diesem netten Hesindegeweihten Bruder Goswin, wäre der nicht ein netter Partner für unsere Greetja?

Bis der Leser Antworten auf all diese und noch weitere Fragen erhält, werden mehr als fünf Jahrzehnte (und über 500 Romanseiten) ins Land ziehen. Er wird erleben, wie Greetja sich mit der seltsamen Pflanze Hängerlein (die im Bett genau das verursacht, was der Name andeutet) und mit Holzpferdchen ein kleines Geschäft aufbaut, wird dabei sein, wenn Greetja das erste Mal einen Hexenfluch ausspricht und ihren ersten Hexentanz tanzt. Wird jene seltsamen Geschöpfe treffen, die man Elfen nennt, und die trotz der entfernten Verwandschaft mit der Achtelelfe Greetja so fremd bleiben. Und immer wieder wird jener seltsame Reiter auftauchen, und einen Großteil des Buches lang wird sich der Leser fragen, wer er denn sein mag, dieser Reiter, und ob er Gutes im Schilde führen mag. Und wird Angst haben, dass die unstete Berenissa unsere Protagonistin ins Unglück treiben wird.





Wenn dann am Ende des Buches das bereits auf der ersten Seite angedeutete Ende der Geschichte erreicht wurde, sind auf Dere bereits 56 Sommer ins Land gegangen, und aus der jungen Greetja ist eine alte Frau geworden. Viele Weggefährten der Hexe sind dann schon in Borons Hallen gegangen, und aus dem kleinen Jungen namens Iber, den sie damals als Kind traf, ist am Ende der Großvater geworden, dessen Sohn und Enkel ebenfalls Iber heißen. Und nicht nur Greetja wird in dieser Zeit eine Menge gelernt haben über Hexengemeinschaften und Kräuterkunde, über das Bornland und über das Leben.

Wenn man dann schließlich das Buch zuklappt und über das Gelesene nachsinnt, wird man sich hoffentlich dabei ertappen, dass man sie alle ein wenig vermissen wird: Die Hexen, die Dörfler, die Elfen, die Tiere und Begleiter. Und natürlich Greetja selbst, deren Schicksal man so lange gespannt verfolgt hat. Nein, Schlachten werden keine geschlagen, kein Dämonenpaktierer getötet, kein Schatz geborgen, nicht einmal besonders viel von Aventurien jenseits des Bornlandes kriegen wir zu sehen. Und doch wohnt in Charakteren, Örtlichkeiten, Atmosphäre und Beschreibungen soviel Liebe zum Detail, soviel Wärme und angenehme Vertrautheit, dass man dem Buch nicht verübeln kann, dass viel Interessantes, aber wenig Spektakuläres geschehen ist. Außer einem ungewöhnlichen Leben natürlich. 

Der Roman

Es ist 24 Jahre her, seit Ina Kramer mit Die Suche (dem zweiten Band der zweiteiligen Reise nach Salza) ihren bis dato letzten Roman im DSA-Universum abgeliefert hat. Seit 1996 ist viel Wasser den Born und Walsach hinabgeflossen, und somit dürfte es alle Fans freuen, dass am 03. Oktober 2020 endlich wieder ein neuer Roman von ihr erschienen ist. Greetja ist - wie zuvor bereits Da'Jin'Zat, Die Elfe vom Veitner Moor und Der Erbe von Tannfels - in Kooperation mit dem Blitz-Verlag unter dem Label Rocket Books bei Fanpro (dem Verlag von DSA-Miterfinder Werner Fuchs) erschienen, und wartet mit satten 507 Romanseiten zum Preis von 18,95 € auf. Wie bei dieser Buchreihe üblich, kommen die Bände in sehr hochwertigem Paperback mit Klappbroschur daher und wissen sowohl optisch als auch haptisch voll zu gefallen.

Wie alle Romane der Fanpro-Reihe ist auch Greetja kein kanonischer Roman, d.h. alle beschriebenen Ereignisse und Charaktere werden keinen Einzug in den aventurischen Meta-Plot haben, und sind auch niemals von einer DSA-Redaktion bei Ulisses abgesegnet worden. Insofern sollte auch jedem Leser von vorneherein klar sein, dass keine umwälzenden Ereignisse die aventurische Geschichte durchrütteln werden. Was natürlich nicht heißen soll, dass die bisher erschienenen Romane in irgendeiner Weise mit dem Kanon oder dem aventurischen Lebensgefühl brechen würden. Im Gegenteil werden alle Romane vor Veröffentlichung einem sorgfältigen DSA-kundigen Lektorat unterworfen, und sollten damit auch penible Aventurienkenner zufriedenstellen können.

Die Entstehung

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass jemand, der seit über zwei Jahrzehnten nichts mehr mit DSA am Hut hatte, plötzlich wieder in die Tastatur haut? Und wie genau entsteht eigentlich so ein DSA-Roman? Da Ihr, liebe Leser (und auch meine schelmische Wenigkeit), an diesem Prozess Euren Anteil hattet, sei hier die Entstehungsgeschichte zusammengefasst:

Alles begann mit einem Interview, dass ich im August 2018 führte. Ich war schon lange ein großer Fan der alten Aventurien-Karten, die Ina Kramer vor nunmehr über 30 Jahren zu malen begann. Nachdem mir Werner Fuchs netterweise die E-Mail-Adresse von Ina vermittelt hatte, kam es nach einigem Hin- und Her-Gemaile zu dem immer noch sehr schönen Interview. Im Prinzip hätte es dabei auch bleiben können, hätte ich damals nicht diese tolle Aventurien-Tischdecke gestaltet, auf die ich sehr stolz war. Also beschloss ich, Frau Kramer als Dankeschön für das Interview (und natürlich für die geniale Aventurien-Karte) ein Exemplar vorbeizubringen. So lernte ich Frau Kramer (damals siezten wir uns noch) das erste Mal kennen.

Als dann ihr 70. Geburtstag nahte, beschloss ich, eine Geburtstagskarte mit Glückwünschen der DSA-Community zusammenzustellen, bei der sich passenderweise auch mehr als 70 Personen beteiligten. Ina (wir waren mittlerweile beim "Du" angekommen) war von den Glückwünschen und den zahlreichen Wünschen, sie möge doch mal wieder etwas für DSA schreiben, so gerührt, dass sie beschloss, es noch einmal zu versuchen, und die Geschichte ihrer alten Baroniespiel-Heldin Dythlinde von Brinnbruch niederzuschreiben, die sie damals anonym zur Baronie-Verlosung eingereicht hatte. Im Februar 2019 schickte mir Ina per E-Mail eine Vorabversion der Geschichte mit dem ungewöhnlichen Namen Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, aber will Baronin werden. Das Unglaubliche war: Ina hatte nicht nur in wenigen Wochen eine fast 70-seitige Erzählung zu Papier gebracht, sondern direkt danach bereits mit einer zweiten Geschichte begonnen - und eine Idee zur dritten Geschichte schlummerte bereits in ihrem Hinterkopf!

Da vier Tage später bereits der Kaiser-Raul-Konvent anstand, musste ich schnell handeln: Ich brachte den Text von "Kann nicht lesen..." in eine druckbare Form, fügte ein Impressum und ein Nachwort hinzu, und erstellte schnell ein Titelbild im Stil der damals gerade frisch erhältlichen Print-on-Demand-Nachdrucke alter DSA-Romanklassiker. Da es für eine Bestellung per Internet zu spät war, fuhr ich zum Druckzentrum meiner alten Alma Mater, der Ruhr-Universität Bochum, und ließ innerhalb von zwei Tagen eine Handvoll Exemplare des Buchs drucken.

Und so versuchte ich auf dem KRK 2019 am folgenden Wochenende die beiden Kurzgeschichten und den noch nicht einmal begonnenen Roman bei Markus Plötz, dem Chef von Ulisses, zu pitchen. Natürlich nicht sonderlich erfolgreich: Grundsätzlich verkaufen sich DSA-Romane eher schlecht, und es muss schon eine sehr metaplotlastige Geschichte oder sonstwie gut verkaufbares Thema sein, um den Aufwand zu rechtfertigen. Leider hielt Markus das für eine Geschichte über eine seit 30 Jahren verstorbene Baronin von einer Autorin, die viele neue DSA-Spieler gar nicht kennen, für zu riskant. Zumal es sich nur um eine 70-seitige Kurzgeschichte handelt und leider keine Kurzgeschichten-Anthologie zum 35-Jahre-DSA-Jubiläum geplant war. Meine unbeholfenen Versuche als Literaturagent waren kläglich gescheitert!

Ina ließ sich von diesem Rückschlag nicht irritieren, und so war wenige Wochen später, Ende März 2019, bereits die zweite Geschichte namens Madame um Mitternacht fertig. Diesmal ging es um einen psychodelischen Trip durch's nächtliche Festum, den Madame Marissja Stoerrebrandt mit einem Herrn Tamerlein unternimmt. Während ich noch grübelte, wie man die beiden Geschichten veröffentlichen könnte (Dotlind erschien im Juli 2019, Madame erst im Januar 2020 im Scriptorium Aventuris), begann Ina bereits fleißig die dritte Geschichte namens Greetja niederzuschreiben. Auf ihrer Flucht durch das Bornland begegnete entlaufene Leibeigene Dotlind einer ernsten Frau, die sich um ihre Wunden kümmerte und sie für einige Zeit bei sich aufnahm. Wer war diese Frau (offensichtlich eine Hexe, sprach sie doch mit einer fetten Kröte), und was mochte ihre Geschichte sein? 

Ina fing wieder an zu schreiben. Bis Juli hatten sich bereits 300 Seiten angesammelt, und ich hatte immer wieder das Vergnügen, einzelne Kapitel oder ganze Blöcke von 100 Seiten oder mehr gegenlesen zu dürfen. Mein Feedback auf den Roman beschränkte sich allerdings auf einige wenige Rechtschreibkorrekturen - die eigentliche Geschichte sprudelte einfach aus Ina heraus. Am 11. Oktober 2019 schickte mir Ina endlich die letzten Kapitel - das 500-seitige Epos um die bornländische Hexe war fertiggestellt!

Doch wie sollte dieses tolle Werk nun unter die Leute gebracht werden? Ich hatte nicht viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn die Spielemesse in Essen stand wieder vor der Tür (ja, 2019 durfte man noch Großveranstaltungen abhalten!), und ich hatte mit den Vorbereitungen (und meiner Hand-Mund-Fuß-Erkrankung) zu kämpfen. Am Abend des ersten Messetages fand zudem die große 35-Jahre-DSA-Party im Essener Hof statt, und da Ina auch als Ehrengast eingeladen war, holte ich sie mit dem Auto in Düsseldorf ab und fuhr mit ihr zur Party. Glücklicherweise war auch Werner Fuchs, seines Zeichens DSA-Miterfinder, FanPro-Gründer und Schwager von Ina, mit seiner Familie gekommen, und so gab es nicht nur nette Gesellschaft für Ina und mich, sondern auch die Möglichkeit, das neue Buch für seine nicht-kanonische Romanreihe bei FanPro zu pitchen. Auch Niko Hoch versprach sich die Zusammenfassung durchzulesen, und so hatten wir innerhalb eines kurzes Partybesuchs (Ina und ich waren gerade einmal zwei Stunden auf der Feier), gleich zwei potentielle Verleger für Greetja gefunden.

Ina und ihre beiden potentiellen Verleger Werner Fuchs (links) und Niko Hoch (rechts)


Und dann hieß es warten.

Es war die Woche vor Weihnachten 2019. Bereits zwei Monate hatten wir weder von Niko noch von Werner eine positive Nachricht erhalten, und das Warten war sowohl für Ina, die soviel Herzblut in das Buch gesteckt hatte, als auch für mich, ihren Möchtegern-Literaturagenten, eher zermürbend. Endlich, am 17. Dezember dann die erlösende Nachricht: Werner will Greetja in seiner FanPro-DSA-Romanreihe veröffentlichen!

Von da an blieb für Ina nicht sonderlich viel zu tun: Eine Danksagung wurde noch ein paar Tage später geschrieben, und im März wollte Werner dann eine Beschreibung für ein Buch-Cover haben. Ina schlug folgenden Text vor:

Eine nächtliche Szene, Mondschein. Ein kleiner Wasserfall (höchstens 5 Meter) ergießt sich in ein flaches, natürliches Becken. In diesem steht/aus diesem steigt heraus/in dieses steigt hinein/an diesem sitzt (wie es dem/der Covermaler/in am angenehmsten ist) eine junge, sehr schlanke und nahezu weißhäutige Frau mit hüftlangem silbergrauem Haar; ansonsten ist sie unbehaart. Sie kann nackt sein oder ein dünnes Hemdchen tragen, soll aber nicht zu sexy aussehen (falls ihr Gesicht zu sehen ist, bitte mit leicht elfischen Zügen). Im Gras am Beckenrand sitzt eine große Erdkröte und in einem Baum in der Nähe eine Schleiereule mit weißem, grau gesprenkeltem Gefieder. Im Hintergrund erkennt man die Silhouette eines schwarz vermummten Reiters auf einem riesigen Rappen.

So machte sich dann der Illustrator Tristan Deneke (der auch schon das Titelbild zu Die Elfe vom Veitner Moor für FanPro angefertigt hatte) an die Arbeit. Anfang Mai war dann der Entwurf der Coverbilds fertig, und wusste insgesamt zu gefallen (ich persönlich hätte gar nicht erwartet, dass man die Beschreibung so gut umsetzen können würde, war aber vom Ergebnis sehr angetan).





Am 17. August kam dann endlich die finale Fassung des Covers samt Klappentext, und es war schon ein sehr erhebendes Gefühl, nicht nur endlich ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, sondern auch im Klappentext erwähnt worden zu sein. Sehr surreal!



Und dann, am 03. September 2020 war es dann soweit: Werner Fuchs verkündete auf seiner Facebook-Seite stolz die Veröffentlichung des neuen Romans Greetja! Wenige Millisekunden später hatte ich das Buch (und das parallel erschienene Der Erbe von Tannfels) auch schon geordert und konnte das fertige Werk wenige Tage später endlich, wie ein stolzer Vater, in die Kamera halten.




Das war er also, der kleine Einblick in die Entstehung eines vielleicht nicht ganz alltäglichen DSA-Romans. Für mich war es ein spannender Ritt, und für einen großen Teil der Strecke war ich nicht einmal sicher, ob das Buch jemals offiziell erscheinen würde. Danke an Werner, dass er dies so großzügig ermöglicht hat, und natürlich danke an die liebe Ina, dass ich sie auf dieser Reise begleiten durfte. 

Das Fazit

Nun ist er also gekommen, der Moment, wo ich zu einem Fazit des Romans kommen muss. Wer den vorherigen Abschnitt gelesen hat, wird sicher verstehen, dass mir das nicht sonderlich leicht fällt, bin ich doch nicht gerade unbefangen. Wer also eine halbwegs objektive Rezension lesen möchte, sollte vermutlich eher dem guten und immer fleißigen Engor vertrauen, der mal wieder schnell wie ein Difar durch die Seiten gesaust ist und wieder einmal eine tolle Rezension verfasst hat. So objektiv und fundiert wie bei ihm wird diese Bewertung sicher nicht ausfallen.

Wer im Online-Buchhandel oder bei der Buchhandlung seines Vertrauens ein Exemplar von Greetja ersteht (und das sind hoffentlich möglichst viele Leute!), sollte sich darüber im Klaren sein, dass es sich um eine Biographie handelt. Eine sehr ausführliche Biographie, die den Großteil des Lebens von Greetja beschreibt. Und per se hat eine Biographie weniger den Anspruch, ein von vorne bis hinten mitreißender Action-Roman zu sein, als sich vielmehr auf das Leben eines zentralen Charakters zu konzentrieren und es in möglichst vielen Facetten auszuleuchten. So erleben wir nicht nur spannenden Konfrontationen und Schlüsselmomente in Greetjas Leben mit, sondern werden auch Zeuge des Alltags, der kleinen Szenen, die in den meisten anderen DSA-Romanen vermutlich kürzer abgehandelt oder komplett weggelassen worden wären. 

Greetja ist der bisher mit Abstand umfangreichste Band der Reihe, und dementsprechend ist er nichts für Ungeduldige: Die beschriebene Detaildichte, insbesondere in den ersten Lebensjahren Greetjas, ist sehr hoch, und gefühlt wird die Hexe bei Dutzenden Flügen über das Bornland begleitet. Ungeduldige Leser werden sicherlich irgendwann mit den Hufen zu scharren beginnen, und wer epische Schlachten und komplexe Intrigen sucht, wird mit Greetja vermutlich nicht glücklich werden. Gleichzeitig ist dies aber die große Stärke des Romans, hat man doch sonst selten Gelegenheit das Alltagsleben einer aventurischen Hexe in dermaßen lebendiger Detailfülle miterleben zu dürfen.

Vielleicht mag nach der Lektüre dieses Textes der Eindruck entstanden sein, dass Greetja insgesamt eine sehr langwierige oder gar langweilige Leküre sei. In meinen Augen könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein: Greetja feiert das normale Leben, die normalen Menschen (und andere Wesenheiten), und es ist eine reine Freude, Ina bei der Rückkehr in "ihr" Aventurien Seite für Seite folgen zu dürfen. Die liebenswerten Charaktere wie der Hesindegeweihte Goswin, die Iber-Großfamilie, die Erdtochter Drusinja, das Hähnchen(!) Gosjew, die Sperlingskäuzin Jarlindele und natürlich Branga und Schneefeder wachsen einem schnell ans Herz. Die Beschreibung der Hexen-Feste, das Brauen der Flugsalbe, die Begegnungen mit der wohlbekannten Tula von Skerdu gehören in meinen Augen zu dem Besten, was ich über aventurische Hexen bisher gelesen habe. Schön mysteriös sind auch die wenigen Begegnungen Greetjas mit einer Elfensippe, bei der die Andersartigkeit des stolzen Volkes sehr stimmig vermittelt wird.

Und dann ist da noch das Finale: Bereits auf der ersten Seite werden wir mit der Nase auf das Ende des Buches gestoßen, und doch fragt man sich den ganzen Roman über, was wohl genau geschehen wird. Der mysteriöse Schwarze Reiter bleibt auch für die Leser lange ein Mysterium, und wenn man dann endlich hinter sein Geheimnis kommt, will man doch umso mehr erfahren, wie seine Geschichte enden wird. Je älter Greetja wird, und je näher wir dem Finale kommen, desto mehr wird einem bewusst, wie sehr man sich in die Charaktere verliebt hat, und wie schwer einem der Abschied von ihnen fallen wird. Wenn dann endlich das große Finale erreicht ist, und der Roman zu einem würdigen Ende gebracht wurde, muss sich auch ein Schelm eine Träne aus den Augenwinkeln wischen, und der lieben Ina für diese tolle Geschichte danken.

Ich will ehrlich sein: Sicherlich wird nicht jeder die Geschichte von Greetja so mögen wie ich. Gewiss, das Buch hat auch Längen, und man könnte argumentieren, dass 100 Seiten weniger der Geschichte nicht geschadet hätten. Aber schnelle Unterhaltung ist gar nicht das Ziel dieser sehr erwachsenen, sehr klugen und durchdachten Geschichte. Es ist eine Reise, auf die uns Ina mitnimmt, bei der man nicht nur etwas über bornländische Hexen und den Alltag in Aventurien lernt, sondern in der man auch über das Leben an sich und über die verzweigten Lebenswege, die wir dabei beschreiten, trefflich nachgrübeln kann.

Am einfachsten dürften es Kennern der anderen Werke von Ina Kramer fallen, sich auf das Buch einzustellen, führt die Autorin doch hier ganz konsequent das fort, was sie schon in den beiden Thalionmel-Romanen, der Reise nach Salza und dem Abenteuer Der Zorn des Bären ausgezeichnet hat: Atmosphärisch dichte, sprachlich formvollendete Erzählungen mit vielschichtigen Charakteren und einem besonderen nostalgischen, bodenständigen Charme. Greetja ist kein Roman, der hektisch verschlungen werden will, sondern eher das literarische Äquivalent eines gemütlichen Winterabends vor dem Kaminfeuer, mit einer kuscheligen Wolldecke, einer heißen Milch und sanfter klassischer Hintergrundmusik vom knarzenden Plattenspieler. Sicherlich kein Roman für jedermann - aber für das richtige Publikum ein literarischer Leckerbissen.

Ich jedenfalls danke Dir, liebe Ina, herzlich dafür, dass ich ein Teil der Entstehungsgeschichte dieses einzigartigen Romans sein durfte, und hoffe, dass auch Du, lieber Leser, nun Lust bekommen hast, Greetja auf ihrem langen, ungewöhnlichen, spannenden, bewegenden Lebensweg zu begleiten.


Der Roman Greetja ist unter dem Imprint Rocket Books des Blitz-Verlags und FanPro erschienen, umfasst 507 Seiten und kostet 18,95 €.

Kommentare

  1. Sollte man die Skriptoriumveröffentlichungen vorher gelesen haben oder steht Greetja unabhängig?

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    1. Die drei Geschichten sind fast vollkommen unabhängig: Greetja und Madame haben je einen kleinen Cameo-Auftritt bei Dotlind, Dotlind einen bei Greetja. Die Reihenfolge, in der man die Geschichten liest, ist also vollkommen irrelevant. Hauptsache man liest sie und hat Spaß daran!

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  2. Hallo Kai,

    Du hast das Cover so schön eingebunden. Kannst Du fragen, ob das bei der Wiki Aventurica genutzt werden darf?

    Ansonsten: Schöne Besprechung. Ich bin noch auf der Lebensreise "mit" Greetja, finde deine Umschreibung mit dem gemütlichen Winterabend sehr passend.
    Das Zusammenspiel der Figuren und die Einblicke in Greetjas Lebens sind sehr schön zu lesen und es macht mir Spaß, in jedem Kapitel etwas Neues zu entdecken.

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